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Hölloch – Abstieg in die Schwyzer Unterwelt

05Versteckt in der urchigen Schwyzer Bergwelt wartet eines der grössten Höhlensysteme der Welt auf wagemutige Entdecker. Mit seinen bislang bekannten 203 km Länge stellt das Karst-Höhlensystem im idyllischen Muotatal das zweitlängste Höhlensystem Europas und das achtlängste der Welt dar. Und ist allein deshalb schon eine Erkundung wert!

Anreise ins Muotatal

Auf einer gemütlichen ca. halbstündigen Postautofahrt durch die blühende Schwyzer Bergwelt gelangt man von Schwyz ins verschlafene Dörfchen Muotatal. Da viele Fahrgäste bereits vorher aussteigen, um die steilste Standseilbahn der Welt auf den Stoos zu besuchen, verbleibe ich als letzter bis zur Endstation Muotatal, Hölloch. Die Standseilbahn spare ich mir für einen anderen Ausflug auf.

Seit 1993 bietet die Trekking Team AG geführte Höhlentouren mit zertifizierten Höhlenguides an. Martin Stieger ist so einer. In blauem Höhlenoverall und mit Kletterausrüstung begrüsst er mich vor dem Wärterhaus, dem üblichen Treffpunkt für Teilnehmer von Höllochtouren. Dem langjährigen Höhlenguide sind die strapaziösen Höhlentouren ins Gesicht geschrieben. Die drei heute bereits durchgeführten Touren lassen den 69-jährigen zwar sichtlich etwas ermattet, dennoch aber als zuversichtlichen und erfahrenen Guide erscheinen, was bei einer nicht alltäglichen Höhlentour sicher nicht ganz unwichtig ist.

Wir sind nicht allein: eine Gruppe von Journalisten ist vom Wanderschuhhersteller Lowa ebenfalls zu einer Höllochtour eingeladen worden und schleppt sich uns nun erschöpft in roten Höhlenoveralls mit Helm und Stirnlampe entgegen. Meine Themenwahl scheint recht beliebt zu sein.

Während sich die Journalistengruppe unter Ächzen mühsam aus den Overalls schält, trifft die 25 Leute starke Pfadfindergruppe aus Einsiedeln ein, der ich mich freundlicherweise anschliessen darf.

Geschichtsunterricht im Wärterhaus

Ausgerüstet mit Gummistiefel, Overalls, Helm und Stirnlampen erklärt uns Martin Stieger zu Beginn im Wärterhaus die wichtigsten Daten und Fakten zum Hölloch und seiner Geschichte und stimmt uns gleichzeitig auf die bevorstehende Höllochtour ein.

So lässt sich die Herkunft des Namens Hölloch nicht eindeutig klären, gem. Höhlenforscher Alfred Bögli stammt der Name vom alemannischen hääl (schlüpfrig, glatt) ab, während die Muotataler den Namen als Helloch (Höhle, Hölle) aussprechen.

Die Ersterkundung des Hölloch wird dem Bergbauern Alois Ulrich zugeschrieben, der 1875 den Einstieg in die Tiefe wagte.
1905 wurden im vorderen Teil der Höhle Treppen und Geländer sowie elektrisches Licht installiert, was seinerzeit eine Sensation darstellte und nur deshalb schon ab dem darauf folgenden Jahr zahlreiche Besucher anlockte.

Nachdem ein Hochwasser im Juni 1910 die installierten Lichtanlagen zerstörte, wurde die Höhlenforschung erst wieder nach dem Zweiten Weltkrieg aufgenommen.

Heute ist das über 200km lange Hölloch sehr gut erforscht und wird rege von wagemutigen Höhlenforschern erkundet.

Auf zum Hölloch!

Bestens informiert werden wir von unserem dipl. Höhlenguide durch eine dicht bewaldete Schlucht über Brücken und entlang moosbewachsener Felsen, vorbei am Drachenloch, hin zum Eingang des Höllochs geführt. Der Drache im Drachenloch hält sich heute aber leider versteckt.

Immer wieder testet Martin Stieger unsere Wissenskenntnisse: Was versteht ihr unter Hyperthermie? Der Medizinstudent weiss hierzu detailliert Bescheid. Wie heissen die vier Eiszeiten? Damit hat er uns bereits überfordert, nennt uns aber umgehend fachmännisch die gefragten Namen.

Gleich bei Höhleneintritt erkennt man die in der Anfangszeit der Höllocherkundung installierten Elektrizitätsleitungen, mit Isolatoren an den Höhlenwänden befestigt. Diese sind nun nur noch zur Beleuchtung einzelner Höhlenräume notwendig, da sich heute jeder Höhlenforscher mit eigener akkubetriebener Stirnlampe in den düsteren Höhlengängen fortbewegt.

In einer langen Einerkolonne bewegen wir uns durch die stockdunklen feuchten Gänge, geführt vom kundigen Höhlenguide. Längere Treppenabschnitte sind mit Geländer gesichert. Fledermäuse sehen wir jedoch nirgends, die finde man aber zu Tausenden in den Höhlen Südostasiens, erläutert uns unser Guide.
Dafür zeigt er uns eindrucksvolle Kalkformationen, Jahrtausende alte Stalaktiten und Stalagmiten, und führt uns in einen mit zwei Rundtischen und Kerzenhaltern ausgestatteten Raum, in dem man auf einer speziellen Höhlentour ein Raclette bei Kerzenlicht geniessen kann.

Etwas mehr Überwindung braucht es, als wir die schmale Felsöffnung der Teufelswand erreichen, deren einziger Weg nach unten in die undurchdringliche Finsternis entlang der am Fels montierten Eisenleiter erfolgt.
Wer schwache Nerven hat wartet hier, bis die unerschrockenen Höhlengänger wieder zurück sind. Nach einer gefühlten Ewigkeit zwängen sie sich, durch die Enge der Felsgänge von oben bis unten verdreckt, mit letzter Kraft durch die Felsspalte zurück in den Höhlengang zu den anderen Wartenden.

Als die ca. 2 stündige Höhlentour zu Ende ist sind die meisten wieder froh, Tageslicht zu sehen.

Wer eine erste Entdeckertour hinter sich hat, kann auf einer mehrstündigen oder mehrtägigen Höhlenexkursion mit Übernachtung im Biwak tiefer in das riesige Höhlensystem eintauchen. Die beschriebene ca. 2 stündige Kurzführung ist auch für Kinder geeignet, längere Touren erfordern entsprechend grössere körperliche und mentale Fitness, entschädigen dafür aber mit unvergesslichen Erlebnissen abseits normaler Ausflugsziele.
Die Höllochführer sind allesamt diplomierte Höhlenführer, die an der SSH (Schweizerischen Schule für Höhlenbefahrungen Hölloch) ausgebildet worden sind.

Praktische Infos

Hölloch Muotatal
Trekking Team AG
Hölloch Höhlen
6436 Muotathal
Tel.: 041 390 40 40
Mobil: 079 420 77 77
www.hölloch.ch
info@trekking.ch

Anreise mit öffentlichen Verkehrtsmitteln
SBB Bahnhof Schwyz, Bus Nr. 1 Richtung Muotathal. Haltestelle „Hölloch Muatathal“. Zu Fuss 3 min zum Wärterhaus.

Öffnungszeiten
Hölloch Kurzführung & Hölloch Erlebnistour: Termine jederzeit / ganzjährig möglich
Die Termine für öffentliche Kurzführungen werden auf www.hölloch.ch publiziert.

Autor: Marc Weber

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