Allgemein

WER BITTE TRÄGT HAUTE COUTURE?

©agustin-molina

Derzeit laufen in den Mode-Metropolen die grossen internationalen Haute Couture- Modeschauen, deren gezeigte Modelle meist so extravagant sind, dass sie es in die TV-Hauptnachrichten schaffen. Die Zuschauer fragen sich wohl zu Recht, wer denn diese Mode trägt oder auch, wer sie bezahlen kann. Agustin Molina ist einer der ganz grossen Mode-Designer Europas. Seine Haute Couture-Kleider sind nichts für den Alltag, aber sie gelten, was Farben, Stoffe, Schnitte und Raffinesse angeht, als richtungsweisend für das, was die Frau von Welt im Business und bei Empfängen trägt. FonTimes hat sich mit dem vielfach ausgezeichneten Modekünstler Agustin Molina unterhalten und erfahren, warum er und seine Mode-Design-Kollegen Haute Couture-Kleider entwerfen, die wohl auf internationalen Modeschauen viel umjubelt sind, aber sich nur sehr selten verkaufen lassen.

FonTimes: Monsieur Molina, was bitte können wir unter Haute Couture verstehen?

Agustin Molina: Die Antwort auf diese Frage muss in zwei Teilen erfolgen: Zum einen ist der Begriff im engeren Sinne in Frankreich geschützt und darf dort nur von wenigen Designern benutzt werden. Hierfür gibt es eine Fülle von Voraussetzungen, welche von der „Chambre Syndicale de la Haute Couture“ aufgestellt werden. Exemplarisch genannt seien hier als Formalien: der Hauptfirmensitz in Paris, ein Massatelier mit aktuell 15 Vollzeit-Angestellten und zwei jährliche Modenschauen mit nunmehr jeweils mindestens 35 handgearbeiteten Unikaten. Der Begriff im weiteren Sinne kennzeichnet die „gehobene Schneiderkunst“ und ist als die Königsklasse der Mode – als Kunst betrachtet – zu sehen. Die in Frankreich im Hinblick auf die Kleider gestellten Anforderungen gelten weltweit auch hier: Die Kleider sind allesamt Unikate und anders als das, was man normalerweise kaufen kann; mit dahinterstehenden Konzepten zeigen sie auf sehr eindrucksvolle Weise die Kunst der Mode. Der Arbeitsaufwand beträgt mindestens 100 Arbeitsstunden je Kleid, welches der späteren Trägerin aus hochwertigsten Stoffen auf den Leib geschneidert wird. In ihm stecken komplizierte Schnitte und Formen; die Fertigung sollte in den klassischen, handwerklichen Verarbeitungstechniken der französischen Schneiderei erfolgen. Haute Couture repräsentiert die kreativste und mit neuen Ideen experimentierende Form der Kunst mit einem wichtigen künstlerischen Konzept und gibt dem Designer die Möglichkeit zum Demonstrieren seiner Kreativität, um seine Mode als Kunst zu betrachten und eine Idee mit einer künstlerischen Bedeutung als Hintergrund umzusetzen.

FT: Ist Haute Couture tragbar?

Agustin Molina: Haute Couture ist nicht immer untragbar; damit Sie es verstehen, es kann durchaus auch tragbar sein. Dies ist kein Kriterium zur Beurteilung, solange die sonstigen Anforderungen erfüllt sind. Wenn die Kleider dennoch oft nicht tragbar sind, warum machen die Designer immer noch Haute Couture? Haute Couture ist zunächst schön anzuschauen – es ist eine hohe Kunst, wenngleich wenig alltagstauglich. Dazu kommt auch noch, dass sie fast immer unbezahlbar ist, aber im kommerziellen Bereich lohnt es sich für die grossen Modemacher. Die in Paris – der „Wiege der Haute Couture“ – gezeigten Kleider werden ausnahmslos nach o. g. Kriterien gearbeitet. Die dann von der Presse gezeigten Bilder lassen die Impressionen der Kleiderträume um die ganze Welt gehen; so nutzen die Designer ihre Schneiderkunst als Fenster für den Verkauf ihrer anderen Produkte, sei es von Prêt-àporter-Mode, Accessoires, Parfums oder anderen Lizenzprodukten. Nur vor diesem Hintergrund lohnt sich eine Haute Couture-Modenschau, welche ab etwa eine Millionen Euro kostet, wobei die Modelle, Location, VIP-Gäste, die Arbeiter und natürlich die Kleider inbegriffen sind. Die Neun-Minuten-Modenschau des Hauses Marc Jacobs des amerikanischen Designers hat zum Beispiel pro Sekunde mehr als 1’750 Dollar gekostet, sodass seine Haute Couture-Moden schau in Paris schliesslich über eine Million Dollar Aufwand erforderte.

FT: Und wer kauft Haute Couture?

Agustin Molina: Es gibt weltweit wohl nicht mehr als 2’000 Kundinnen, die diese aussergewöhnlichen und nicht für den Alltag konzipierten Kleider kaufen; die meisten kommen aus Amerika, momentan steigt allerdings die Nachfrage von Kundinnen aus Russland, Indien und China, aber auch aus Deutschland und der Schweiz. Bei den Preisen eines Haute Couture-Kleides kommt es entscheidend darauf an, von welchem Designer es kreiert wurde. Zum Beispiel kostet ein vom italienischen Designer Valentino erschaffenes Haute Couture-Kleid ab 20’000 Euro.Bei anderen Designern sind es ab 10’000 Euro bis sogar über deutlich über 50’000 Euro. Und wenn es mit aufwändigen Anfertigungstechniken hergestellt oder besondere Materialien (wie z. B. Seide, teure Federn oder gar Diamanten) verwendet wurden, können die Kosten durchaus auch ein paar Millionen Euro betragen. Die Kundschaft dafür ist natürlich sehr selten, aber es gibt sie. Die hohe Schneiderkunst erlebt gerade eine regelrechte Renaissance. Diejenigen Kleider, welche nicht verkauft werden, gehen schliesslich an verschiedene Museen als Ausstellungsstücke.

FT: Warum machen Sie dann überhaupt Haute Couture?

Agustin Molina: Wie ich bereits schon gesagt habe, ist die Haute Couture zumeist nicht tragbar und unbezahlbar; allerdings ist es schon aufgrund des Aufwandes und der Konzepte interessant, die Kleider anzuschauen. Mein Traum ist es, andere Designer aus Deutschland, Freunde aus Paris und Mailand einzuladen, um in einer Ausstellung die Haute Couture mit Kleidern lebendig zu präsentieren. Damit sich die Mode als Teil der Kunst hier weiterentwickeln kann, sollte eine solche Ausstellung auch Skizzen, Entwürfe und Zeichnungen sowie Fotografien von einzelnen Fertigungsabschnitten eines Kleides zeigen. Ich bin mir sicher, dass derartiges in unserer hochkulturellen Gesellschaft grossen Anklang finden würde. Dies könnte andere Designer anregen, in einem solchen Rahmen zu arbeiten und damit für eine grössere Vielfalt und Weiterentwicklung der Mode zu sorgen. Ich bin allerdings auch fähig, „normale“ und „tragbare“ Mode zu kreieren; auch male ich seit Jahren gern Bilder, schreibe, fertige Skulpturen aus Keramik und demnächst auch aus Porzellan …

FT: Sie nannten vorher den Begriff Prêt-à-porter?

Agustin Molina: Prêt-à-porter ist die tragbare Bekleidung, die industriell und in grösseren Stückzahlen produziert wird. Im Unterschied zur Haute Couture handelt es sich dabei jedoch nie um Einzelstücke und auch nie um Stücke, die nur zur Erzeugung von Aufmerksamkeit auf Modenschauen oder Ausstellungen entworfen werden, sondern es handelt sich um normale Bekleidungen, die jeder tragen kann und die Preise sind auch niedriger als bei Haute Couture. Eine Prêt-à-porter-Schau, also eine Schau für tragbare, später so im Laden hängende Mode, kostet zwischen 50’000 Euro bis 300’000 Euro. Meine Prêt-à-porter-Bekleidung hat immer noch Einflüsse von Haute Couture, denn öfter kommt viel Handarbeit zum Einsatz. Aber nach den Regeln der Haute Couture können diese Kleider nicht als Haute Couture bezeichnet werden und daher sind die Preise auch erheblich geringer. Vor allem handelt es sich um „normale“ und tragbare Mode für jeden, aber dennoch behält sie den charakteristischen Einfluss von Eleganz, Weiblichkeit und eben das gewisse Etwas des exklusiven Designers Agustin Molina.

Kommentar verfassen