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NACHHALTIGKEIT IN DER SCHWEIZ

© depositphotos/violetkaipa

Die EU diskutiert derzeit über den grossen Berg an Plastikmüll, der Tag für Tag pro-duziert wird. Die Schweizer können selbst auf keine allzu positive Klimabilanz blicken. Immer mehr Menschen beschäftigen sich daher mit dem Thema Nachhaltigkeit und versuchen ihren Alltag grüner zu gestalten – auch mit Hilfe digitaler Geräte.

Die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung (Brundt­land­Kommission) hat 1987 folgende Definition für Nachhal­tigkeit festgelegt: „Nachhaltige Entwicklung ist eine Ent­wicklung, welche die Bedürfnisse der Gegenwart be friedigt, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefähr­den, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.“ Folgt man der Definition, wird klar, dass Nachhaltigkeit nicht zwingend Verzicht bedeutet. Die Bedürfnisse müssen nur anders befriedigt werden, um auch künftigen Generationen noch ein Leben in unserer Welt zu ermöglichen.

Welche Vorteile bringt die Digitalisierung mit sich? Lange Transportwege werden in Zukunft wieder kürzer, nicht zuletzt wegen der zunehmenden Robotorisierung und der 3D­Drucktechnik. Das senkt Lohn­ und Materialkosten und macht somit die Abwanderungen der Unternehmen in das billige Ausland unnötig. Durch die Just-­in-­time-­Produktion vor Ort entfallen auch Lagerflächen. Das spart auf lange Sicht ebenfalls Ressourcen.

Immer mehr Konsumenten greifen beim Einkauf zu nach­haltigen Produkten. Dabei ist auch die Rückverfolgbarkeit entscheidend. Da kann die Digitalisierung wieder punkten. Denn es ist einfach, mittels eines Codes auf den Produkten im Internet die Herkunft in Erfahrung zu bringen. Das Markt­forschungsinstitut pwc hat bei einer Befragung festgestellt, dass auch Unternehmen dies inzwischen erkannt haben. Mehr als die Hälfte der Entscheider sprechen digitalen Lösungen zu Produktinformationen eine grosse oder sehr grosse Bedeutung zu. Neun von zehn Unternehmen möchten in Zukunft digitale Lösungen nut­zen, um Kunden und Geschäftspartnern Informationen über Herkunft und Eigen­schaft der eigenen Produkte anzubieten. In vestitionen in diesem Bereich steigen künftig an. 74 Prozent der Unternehmen planen in den nächsten zwei Jahren, Gel­der in digitale Lösungen zu stecken. Dazu sind auch die gesamten Akteure der Wert­schöpfungskette bereit. Sie ermöglichen dem mündigen Verbraucher künftig alle Informationen
abzuwägen und sich im Zweifel für das nachhaltigere Produkt zu ent scheiden.

Inzwischen gibt es sogar ein Label für digitale Nachhaltig­keit, welches für ein nachhaltiges Handeln mit immateriellen Gütern steht. Die parlamentarische Gruppe Parldigi wurde 2009 gegründet, denn Wissen ist für die Schweiz aus volks­wirtschaftlicher Sicht von grosser Bedeutung. Und nur Wissen sorgt langfristig dafür, dass auch mit anderen Res­sourcen nachhaltig umgegangen wird. Ziel der Organi­sation ist es, den nachhaltigen Umgang mit Wissensgütern mittels verschiedenster Massnahmen zu unterstützen. Eine Regulierung ist aus Sicht von Parldigi wichtig, um die Her­ausforderungen der neuen Technologien meistern zu kön­nen und eine weitere Entwicklung langfristig zu ermög­lichen – unabhängig von grossen Software ­Konzernen. Ansonsten droht Wissen und vor allem die Digitalisierung zum Werkzeug einiger weniger Mächtigen zu werden. Zu den Schwerpunkten der Arbeit von Parldigi zählt unter anderem die Weiterentwicklung von Open Source­Soft­ware, standardisierte Schnittstellen und Formate, Zugang zu allen Daten aus der Verwaltung und weiteren öffent­lichen Institutionen sowie freier Internetzugang.

Parldigi definiert digitale Nachhaltigkeit vor allem darüber, wie leicht man an In­formationen herankommt, ob diese über­all und jederzeit zur Verfügung stehen und kostenlos sind. Dabei kommen die Bemühungen nicht nur digitalen Gütern zugute, sondern helfen auch offline einem nachhaltigeren Leben. Das Saatgut der resistenten Tomatensorte Sunviva zum Beispiel wurde unter einer Open Source­ Lizenz verbreitet. Das heisst, es wird verhindert, dass Grosskonzerne durch Patente, die Nutzung ein­schränken können. Damit folgt die Gruppe der Definition von Dr. Marcus Dapp, der damit vor allem „Open Data“ und „Open Source“ um­schreibt. Mit seinem Begriff versucht er Nachhaltigkeit im Computerzeitalter zu definieren. Bei materiellen Gütern ist es einfach erklärt: Nachhaltig ist, wer verantwortungsvoll mit Ressourcen umgeht und diese einsetzt. Bei nicht greif­baren immateriellen Dingen ist die Abgrenzung oft nicht so klar. Daten lassen sich nur schlecht greifen und da sie quasi auf keinerlei an­ oder abbaubaren Rohstoff bestehen, stehen sie eigentlich unbegrenzt zur Verfügung. Daher ist es umso wichtiger, festzulegen, was unter nachhaltigem Um­gang mit digitalen Ressourcen verstanden wird.

Nicht zuletzt führt eine freie Software langfristig dazu, dass diese immer weiterentwickelt werden kann, von allen Men­schen, die darauf Zugriff haben. Und weiterentwickelte Software führt zu einer besseren Ausnutzung der vorhan­denen Hardware und damit zu weniger Belastung der Um­welt durch entsorgte Technik. Auch die Stromnutzung wird so auf Dauer effizienter.

Die Digitalisierung selbst kann die Nachhaltigkeit anderer Güter massgeblich beeinflussen. Vernetzte und automati­sierte Prozesse helfen dabei, Ressourcen und Zeit besser einzuteilen. Dabei kann auch die leichtere Informationsbe­schaffung helfen. Und genau an diesem Punkt kann die Online­ mit der Offline ­Welt im Bereich der Nachhaltigkeit ver­bunden werden: Digitale Nachhaltigkeit sorgt für den freien und einfachen Zugang zu Software und Wissen, was wie­derum dazu führt, Rohstoffe und Zeit besser planen und
einsetzen zu können und somit langfristig sparsamer und effizienter zu agieren. Ob eine neue Idee oder ein Produkt nachhaltig ist, können Unternehmen, aber auch Privatpersonen mit dem Im­puls­Indikator des Vereins Impuls­Nachhaltigkeit Schweiz testen. Es ist ein Online­Tool, das aufzeigt, welche nachhalti­gen Auswirkungen oder Impulse eine Idee, ein Produkt oder gar ein Projekt setzen kann. Mittels eines Fragenka­talogs werden die Ergebnisse ermittelt und anschaulich dargestellt. Ziel des Indikators ist es, dem Nutzer aufzu­zeigen, wie nachhaltig seine Überlegungen sind. Dabei er­möglicht das Tool nicht nur die Einschätzung anhand einer Software, sondern auch in Rücksprache mit Experten oder dem Austausch mit anderen Nutzern. Finanziert wurde das Projekt über Crowdfunding.

 

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