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KIFFEN ERLAUBT. RAUCHEN VERBOTEN.

Cannabis wird gesellschaftsfähig.

Die meisten Trends werden in Amerika geboren. Das Rauchverbot in öffentlichen Räumen war in den USA bereits Gang und Gebe als auf dem Alten Kontinent noch die Köpfe rauchten bei all den Pro- und Kontra-Diskussionen. Innerhalb weniger Jahre wurde das Rauchen von Tabak aus einem Grossteil des gesellschaftlichen Lebens verbannt. Und das weltweit. Nun hat die Neue Welt wieder eine Vorreiterrolle eingenommen: Kiffen erlaubt.

Wird Europa nachziehen?
Mit nem Joint in der Hand darf man am Rand des Grand Canyons stehen oder in Alaska Braunbären beim Fischfang zusehen. Rein theoretisch darf man sogar im Capitol in Washington kiffen. Oder auf dem roten Teppich in Hollywood. Denn in Washington D.C. und in Kalifornien ist der Haschgenuss offiziell erlaubt. Auch in den US-Bundesstaaten Nevada, Maine, Massachusetts, Colorado und Oregon darf jeder legal Haschisch konsumieren. Einfach so, zum Vergnügen.

Vom Flower Power Mythos zur Designerdroge.
In den späten Sechzigern gehörten Blumen ins Haar, Gitarren ans Lagerfeuer und Gras ins Zigarettenpapier – aus Afghanistan, Marokko oder vom elterlichen Balkon. Dann kamen die Siebziger und mit ihr Sex and Drugs and Rock’n Roll. Die Musik wurde härter, die Drogen auch. In den Achtzigern hat so mancher Manager im massgeschneiderten Businessanzug heimlich gekokst. Klar, er konnte es sich ja auch leisten. Es kamen die Neunziger und ein neues Jahrtausend. Man sprach von Designerdrogen, was allein als Begrifflichkeit ganz schön chic und hipp klingt. Doch vor allem: harmlos.Waren sie aber alle nicht. Speed und Ecstacy wurden das Opium für das Party-Volk. Crystal Meth machte die Runde und gilt nach wie vor als die gefährlichste Droge der Welt. Sie ist immer noch auf dem Vormarsch.

Haschisch – ganz schön out …
Haschisch gilt schon lange nicht mehr als Einstiegsdroge. Das geht heute anders. Für wilde Goa-Partys, Raves und Techno-Beats ist die Oldie-Droge nämlich völlig ungeeignet. Die Eltern- und Grosseltern-Generationen unternahmen damit auch eher psychodelische Fernreisen, hingen zutiefst friedfertig mit nem selbstgedrehten Joint ab oder diskutierten nächtelang über den Putzplan in der Studenten-WG. Haschgenuss ist slow motion nicht speed.

… oder doch wieder in?
Um Haschisch, Gras oder Cannabis, so der offizielle Name der Hanfdroge, wurde es daher still und stiller. Das ändert sich gerade. „Hast Du Haschisch in den Taschen, hast Du immer was zum Naschen.“ Dieser Spruch von Anno Dazumal könnten Marketing-Profis wieder neu beleben. Es klingt so herrlich altmodisch, nach Kuschelrock und heiler Welt, nach Nostalgie und Prä-Facebook-Poesie. Und Abhängen ist auch wieder in. Man nennt es heute chillen.

Das Beispiel Amsterdam.
Fest steht auf jeden Fall, dass das gute, alte Haschisch weit weniger gefährlich ist als all der „neumodische Kram“. Fest steht auch, dass gerade darüber diskutiert wird, ob man für Hasch-Produkte Werbung machen darf. Und es ist allgemein bekannt, dass man bei einem Grachtenbummel durch Amsterdam auch ungewollt auf Droge sein kann. Man muss einfach nur für eine geraume Zeit in der Sonne sitzen: in der Nähe eines Coffee-Shops.
Diese Coffee-Shops, die Cannabis in geringen Mengen verkaufen dürfen und in denen man ungestraft seine Hasch-Pfeife rauchen darf, haben zweierlei gezeigt: Zum einen ist der Drogenkonsum der Niederländer nicht höher als bei den europäischen Nachbarn. Zum anderen belebt die generelle Cannabis-Toleranz einen ganzen Wirtschaftszweig: das Touristik-Geschäft.

Hasch mich.
Auch die Schweiz wird toleranter. In Zürich gibt es einen Shop, der Cannabis-Produkte seit kurzem verkauft. Essbare Blüten für die Küchenkunst, Cannabis als Tabakersatz oder als Badezusatz. Alles ganz legal. Der Grund dafür: Der THC-Wert liegt unter einem Prozent. Man könnte diesen Wert als High-mach-Faktor bezeichnen. Das Haschisch der Hippie-Kinder hatte normalerweise 5 bis 10% THC, besonders hochwertiges Gras kann aber auch über 40% THC haben. Damit wird man garantiert high. Und begeht bei Besitz und Konsum eine kriminelle Handlung. Doch was bewirkt Gras, wenn es nicht mehr flasht? Was ist Haschisch noch wert, wenn die psychoaktive Substanz fehlt? Nun, das Zauberwort heisst: Cannabidiol.

Der neue Wellness-Stoff: Cannabidiol
Cannabidiol wirkt entzündungshemmend, entkrampfend und kann Angstzustände mildern. So zumindest die aktuellen Erkenntnisse – mehr oder weniger gesichert. Weitere pharmakologische Effekte sind in der Untersuchungsphase. Der Stoff hat also Potenzial. Er könnte zum neuen Wellness-Produkt werden: entspannt mit Hanf.
Ganz in die Zeit passt da natürlich auch, dass viele der neuen Haschischprodukte aus kontrolliert biologischem Anbau sind. Liebevoll gehegt und gepflegt unter einheimischer Aufsicht und nicht aus fernen Ländern, dem unkontrollierten Privatanbau (oder den USA!).

Das neue It-Piece in der Medizin.
Als Droge in der Medizin ist Cannabis bereits in der Hälfte aller amerikanischen Bundesstaaten erlaubt. Tendenz steigend. Es geht also nur um Krankheiten und um Schmerztherapie. Am Anfang dieses Jahres hat Deutschland einstimmig ein Gesetz erlassen, das es Ärzten erlaubt, Cannabis als Medikament zu verschreiben. Auf Rezept. Was für die einen wie der Anfang von Sodom und Gomorrha erscheint, gilt den meisten Schwerkranken als Segen. So hilft die Hanfdroge z.B. vielen Patienten, die an AIDS, Krebs, Migräne, MS oder ADHS leiden. Bislang gab es Ausnahmeregelungen, sehr enge Bewilligungsgrenzen und die Bezahlung erfolgte aus der eigenen Tasche des Patienten. Nun darf der Arzt allein entscheiden und die Krankenkassen müssen (ab März/seit März 2017) zahlen.

Die Dealer der Zukunft: Apotheken und Pharmakonzerne.
In der Schmerztherapie beginnt eine neue Ära. Cannabis soll legal in Deutschland angebaut und von einer Agentur kontrolliert werden. Die wiederum untersteht dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Parallel soll die Wirkweise von Cannabis besser erforscht werden. Denn fundierte Untersuchungen gab es bislang kaum. Es fehlte das staatliche Interesse und vielleicht noch wichtiger: die potenziellen Verdienstmöglichkeiten der Pharmaindustrie. Das hat sich nun geändert.
Geblieben ist vorerst: Selbst Schwerstkranke dürfen – wie von einigen in Deutschland gefordert – Hanf nicht selbst anbauen. Das bleibt weiterhin strafbar. Nur zum Spass Kiffen auch. Bis auf weiteres muss man dafür doch nach San Francisco oder in die Hauptstadt an der Amstel. Doch für wie lange noch? Wer hätte einst gedacht, dass französische Bistros und italienische Trattorias so schnell kippenfreie Zonen werden. Sie vielleicht?

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